Die Kultur des Kultes
Die vor allem von Deutschland ausgehende Liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts hatte das Ziel, daß die Messe in der Gestalt gefeiert wird, die ihrem Inhalt entspricht. In ihrem Vollzug war sie häufig zu einer Art sakralem Rechtsakt reduziert worden. Nun holte man sie aus diesem „Dornröschenschlaf“. Sie sollte nicht nur „gelesen“ oder vom Priester allein am Altar vollzogen werden, sondern alle Anwesende sollten „tätig“, das heißt wissend und aufmerksam daran teilnehmen können. Die actuosa participatio hatte bereits Papst Pius X. in seinem Motuproprio „Tra le sollecitudine“ vom 22. 11. 1902 gefordert. Nun führte dieses Anliegen zu verschiedenen Änderungen der Meßordnung, vor allem zu der der Ostervigil unter Pius XII, zum Missale Romanum 1965 von Johannes XXIII. und zum Missale Pauls VI. von 1969, das im folgenden als „paulinische Meßordnung“ bezeichnet wird.
Die vor allem von Deutschland ausgehende Liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts hatte das Ziel, daß die Messe in der Gestalt gefeiert wird, die ihrem Inhalt entspricht. In ihrem Vollzug war sie häufig zu einer Art sakralem Rechtsakt reduziert worden. Nun holte man sie aus diesem „Dornröschenschlaf“. Sie sollte nicht nur „gelesen“ oder vom Priester allein am Altar vollzogen werden, sondern alle Anwesende sollten „tätig“, das heißt wissend und aufmerksam daran teilnehmen können. Die actuosa participatio hatte bereits Papst Pius X. in seinem Motuproprio „Tra le sollecitudine“ vom 22. 11. 1902 gefordert. Nun führte dieses Anliegen zu verschiedenen Änderungen der Meßordnung, vor allem zu der der Ostervigil unter Pius XII, zum Missale Romanum 1965 von Johannes XXIII. und zum Missale Pauls VI. von 1969, das im folgenden als „paulinische Meßordnung“ bezeichnet wird.
Ende der sechziger Jahre lösten sich viele traditionelle Formen und Umgangsweisen in allen Bereichen des Lebens auf. Die Zeit war experimentell und unkonventionell. Man muß dafür dankbar sein, daß das in dieser Zeit entstandene und bis heute gebräuchliche Missale von 1969 verhältnismäßig konservativ ausgefallen ist. Es versucht im Wesentlichen eine Rekonstruktion der römischen Pfarrliturgie des 12. Jahrhunderts. Das Ergebnis dieses Versuches ist hier ebensowenig zu bewerten, wie der Versuch selbst. Entscheidend ist, daß das Missale selbst nur einen kleinen Teil der Veränderungen ausmacht, die tatsächlich seit 1965/1969 in unseren Kirchen geschahen. Die weitgehende Abkehr von allen traditionellen Formen (z.B. Hochaltar, Meßgewand, Latein, liturgischer Gesang, Weihrauch, persönliches Zurücktreten der Person des Priesters hinter das Amt) geht über das Meßbuch Pauls VI. weit hinaus. Es herrschen oft Subjektivität und Willkür, die Person des Priesters gleicht einem Showmaster oder Moderator, er leitet nicht nur die Feier, sondern er und andere (Liturgiekreise, Lehrer, Familiengottesdienstkreise) bestimmen sogar deren Gestalt und Aufbau, ja auch ihren Inhalt (Lesungstexte, Gebete). Das, was mancherorts Tag für Tag und Sonntag für Sonntag den Gläubigen „geboten“ wird, ist problematisch: Viele haben sie die Freude am Mitfeiern verloren und bleiben und innerlich oder äußerlich fern.
Eindrücke eines Laien von der Kar- uns Osterliturgie einer durchschnittlichen Pfarrei, deren Pfarrer weder besonders progressiv noch konservativ ist:
„Karfreitag, 10. April 2009. Präsanktifikatenmesse in einer Vorortkirche am Nordrand des Ruhrgebietes. Eine sehr schlichte Feier; dafür wird um so mehr erklärt. Bei der Passion darf man gemütlich sitzen (ob dem Herrn bei den Hohepriestern und bei Pilatus wohl auch ein Sitzplatz angeboten wurde?). Beim Verscheiden des Herrn allerdings knien doch alle. Bemerkenswert der Sänger des Evangelisten, wie er vor seinem Mikrophonständer niederkniet – so sieht man, was in der heutigen Kirche das wichtigste ist. Auch bei den Großen Fürbitten spart man sich alle Participatio actuosa: gekniet wird nicht. Dafür sind die Orationen selbstgemacht. Zur Kreuzverehrung wird ein drittes Mal erklärt, was wir nun tun sollen, auch, ganz ausführlich, was das bedeutet. Dafür spart man sich alle Umstände wie Ver- und Enthüllen. Und nun die Kommunion. Eingeleitet wird sie mit der Erklärung, nun werde das Brot verteilt, das an die Hingabe Jesu erinnere.“
„Ostersonntag, 12., und -montag, 13. April 2009. Ostermessen in einer Vorortkirche am Nordrand des Ruhrgebietes. Eigentlich bin ich ja gewarnt, nicht nur vom Karfreitag. Aber für einen alten Menschen, den ich nicht alleinlassen möchte, ist diese Kirche am besten zu erreichen; und in der Osternacht hatte ich anderswo eine wirkliche Feier erlebt, so daß ich nun wieder etwas verkraften kann. Es ist eigentlich nichts anderes als man in so vielen anderen Kirchen erlebt; aber die alltäglichen Schrecken treten hier archetypisch massiert auf. Der Priester tritt ein, begleitet von Damen und Herren in – zum Teil etwas eigenwilliger – Straßenkleidung, die dann, hinten im Altarraum, versus populum zu Seiten des Priestersitzes sitzen, um dann zu Lektoren- oder Kommunionhelferdiensten hervorzukommen. Der Priester geht nach dem Einzug schnellstens zum Ambo, betrachtet schon die Gemeinde, während die noch eine Strophe des Liedes zum Einzug singt. Dann fängt er an zu begrüßen, teilt schließlich mit, daß wir nun diesen Gottesdienst beginnen «im Namen des ... » – nun also wird also doch noch der erwähnt, um den es eigentlich gehen soll. Das Ordinarium wird vollständig ersetzt durch deutsche Lieder, bei denen gelegentlich ein Zusammenhang mit dem verdrängten Gesang zu erahnen ist. Gern singt der Priester mit der Gemeinde mit, selbst – „Gotteslob“ hoch über dem Altar – eine Strophe des Liedes, das das Agnus Dei vertritt. Vor einer Lesung erklärt der Lektor noch, was man gleich hören wird. Während am Ostersonntag der Priester bei der Begrüßung erklärt hatte, daß man nicht genau sagen könne und die Predigt sich in einer Moralrede erschöpft, kommt am Montag doch noch die Osterbotschaft vor. Bei der Wandlung erhebt der Priester die Hostie mit nur einer Hand. Der Embolismus fällt aus, dafür spricht die Gemeinde das Gebet zum Friedensgruß mit. Selbst am Sonntag, wo nicht sehr viele in der Kirche sind, wird ein Kommunionhelfer herangezogen. «Ein außerordentlicher Diener der heiligen Kommunion kann nämlich die Kommunion nur austeilen, wenn Priester und Diakon fehlen ... oder wenn die Zahl der zur Kommunion herantretenden Gläubigen so groß ist, daß die Feier der Messe selbst allzu sehr ausgedehnt würde. Das ist jedoch so zu verstehen, daß eine kurze Verlängerung ein völlig unzureichender Grund ist, gemäß den Umständen der Dinge und der Kultur des Ortes» schrieb Papst Johannes Paul II. in Redemptionis Sacramentum (C. VII, 1. [158.]). Wenn also die Austeilung eine Viertelstunde dauert statt fünf oder zehn Minuten, so ist es rechtswidrig, Laienhelfer dazu heranzuziehen – und gegen den Sinn des Sakraments erst recht; man lese beim heiligen Thomas nach (S.Th. III., q. 83., art. 3.). Zum Schluß kommuniziert, mit Kelchkommunion, die Entourage des Priesters und als letzter dann er selbst. Zum Schluß der Messe, nach Vermeldungen, verzichtet er nicht darauf, der Gemeinde Gelegenheit zu einem «Danke, gleichfalls» zu geben. Woran könnte man erkennen, daß dies ein Gottesdienst war?“[1]
Heute herrscht eine neue Sehnsucht nach einer würdigen Feier der Liturgie. Nicht von ungefähr erfahren Gemeinschaften und Pfarreien, in denen die Liturgie objektiv und schön gefeiert wird, großen Zuspruch.
Die neue Freiheit der Alten Messe und ihre Folgen
Mit dem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ hat Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 festgestellt, daß die Messe in ihrer Form, wie sie bis 1965 (und mutatis mutandis auch bis 1969) von der Römischen Kirche gefeiert worden ist (im Folgenden „gregorianische Meßordnung“ genannt) nicht verboten sei. Im Gegenteil – diese „Alte Messe“ darf von jedem Priester gefeiert werden und von den Gläubigen unter bestimmten Voraussetzungen rechtmäßig erbeten werden.
Die neue Freiheit der Alten Messe und ihre Folgen
Mit dem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ hat Papst Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 festgestellt, daß die Messe in ihrer Form, wie sie bis 1965 (und mutatis mutandis auch bis 1969) von der Römischen Kirche gefeiert worden ist (im Folgenden „gregorianische Meßordnung“ genannt) nicht verboten sei. Im Gegenteil – diese „Alte Messe“ darf von jedem Priester gefeiert werden und von den Gläubigen unter bestimmten Voraussetzungen rechtmäßig erbeten werden.
Das hat bei manchen große Freude, bei anderen Skepsis oder auch Ablehnung hervorgerufen. Ich bin 1968 geboren und getauft und habe darum die Messe in der gregorianischen Ordnung nicht mehr erlebt. Ich weiß nur von Älteren, was zu ihrer faktischen Abschaffung geführt hat. Ich kenne die Probleme, die es gegeben haben mag, nicht aus eigenem Erleben.
Oft habe ich erlebt, wie ältere, sonst sachliche und abgeklärte Mitbrüder beim Thema „Tridentinische Messe“ in einer Art und Weise polemisieren, ja diese Form der Messe, in der sie selbst großgeworden, berufen und noch geweiht worden sind, mit Spott und Häme überziehen, die mich erstaunten und befremdeten. Ohne Psychologe zu sein ahnte ich, daß hier „etwas tiefer sitzt“. Die Abschaffung der gregorianischen Meßordnung hatte bei diesen Mitbrüdern vermutlich Verletzungen hervorgerufen, die sie aus Gründen des Gehorsams und des Zeitgeists verdrängen mußten, da ihnen ja die Aufgabe zukam, die „Alte Messe“ in den Gemeinden abzuschaffen und das „den Leuten“ zu erklären, obwohl sie es vielleicht selbst im Tiefsten nicht einsahen.
Auch scheint für ältere Menschen allgemein die Messe in der in der gregorianischen Ordnung emotional mit der moralischen Enge der bis in die 1960er Jahre praktizierten Erziehung verbunden zu sein. Man ist froh, daß diese Zeiten vorbei sind, also will man auch die Form der Messe nicht, die man damals gefeiert hat.
Wo die Alte Messe gefeiert, kommen verhältnismäßig viele jüngere Menschen zusammen. Und die Zahl der Teilnehmer wächst. Auch die „altrituellen“ Klöster in Frankreich haben soviel Zulauf, daß sie regelmäßig Tochterklöster gründen müssen – wobei die problematischen Aspekte dieser Gemeinschaften hier nicht besprochen werden können. Jedenfalls sind Katholiken (und nicht nur die), die nach der Reform großgeworden sind, der alten Form gegenüber offener, nicht selten neugierig und dann auch bald begeistert, so auch ich.
Neben ihrer „Dramaturgie“ scheint es die Jüngeren zu faszinieren, daß diese alte Form der Messe sich im lateinisch-römischen Ritus vom Ursprung her entwickelt hat. Sie ist nie von Grund auf neu geschaffen worden, sondern von Papst Gregor dem Großen im Wesentlichen aus dem damaligen Bräuchen heraus geordnet, bis zu ihrer maßgeblichen Fixierung durch Papst Pius V. im Jahre 1570 in der ganzen Kirche gewachsen, verändert und von Zweitklassigem gereinigt worden, bis sie sozusagen geläutert in ihrer jetzigen und, wie Pius V. in der Einführung schreibt, für alle Zeiten gültigen Form festgeschrieben wurde.
Diese Kanonisierung hat freilich eine weitere Entwicklung und Lebendigkeit verhindert – so gab es z.B. vor 1570 durchaus schon volkssprachliche Elemente, die dann wieder zurückgedrängt wurden. Die liturgische Entwicklung wurde angehalten. Nun scheint es an der Zeit, sie wieder in Gang kommen zu lassen, ohne das „für alle Zeiten Gültige“ preiszugeben oder die Form von 1969 verächtlich zu machen. Die Erfahrungen seit der Einführung des Missale Pauls VI. werden hier fruchtbar werden, da sie ja aus dem authentischen Gebet der Kirche erwachsen, durch dieses geheiligt und damit ebenso „gültig“, würdig und legitim sind. In diesem Prozeß stehen wir erst ganz am Anfang.
Im Normalfall feiere ich die Messe in der neuen, paulinischen Ordnung, einmal im Monat in der alten, gregorianischen. Und ich muß bei aller Liebe zu ihr gestehen, daß ich sie nicht ausschließlich feiern wollte. Vor allem die Volkssprache scheint mir für den Normalfall der Liturgie für Zelebranten und Gläubige von großem Gewinn zu sein.
Aber ich erlebe, wie die Zelebration der beiden Formen sich gegenseitig positiv beeinflussen. Hier sind wir an dem Grund angelangt, den der Papst für seine Entscheidung anführt. Es ist zugleich der Grund für die Entstehung dieser Zelebrationsschule.
Das neue Streben nach Objektivität
Mitten im Zweiten Weltkrieg erschien das Buch „Ritus und Rubriken der heiligen Messe“ von Wilhelm Lurz. Es erklärt, wie andere Zelebrationsschulen dieser Zeit, die gregorianische Meßordnung für Priester, Diakone, Subdiakone und Ministranten sozusagen zentimetergenau. Nichts ist ausgelassen. Wer heute dieses zu Pedanterie und Zwanghaftigkeit neigenden Werk in die Hand nimmt, wird vielleicht fragen: Hatte man damals keine anderen Sorgen?
Mitten im Zweiten Weltkrieg erschien das Buch „Ritus und Rubriken der heiligen Messe“ von Wilhelm Lurz. Es erklärt, wie andere Zelebrationsschulen dieser Zeit, die gregorianische Meßordnung für Priester, Diakone, Subdiakone und Ministranten sozusagen zentimetergenau. Nichts ist ausgelassen. Wer heute dieses zu Pedanterie und Zwanghaftigkeit neigenden Werk in die Hand nimmt, wird vielleicht fragen: Hatte man damals keine anderen Sorgen?
Wir haben heute genau solche Sorgen: Die Liturgie der Messe ist in den „wilden Jahren“ unter das Leitwort „authentisch“ gestellt worden; der Priester solle nur so zelebrieren, wie es (zu) ihm paßt. Wie man geht, wie man steht, wie man die Hände hält – alles war ins Belieben des Zelebranten gestellt, wenn das auch nicht immer durch die neuen, deutlich sparsameren Rubriken des Meßbuchs von 1970/75 gedeckt war.
In letzter Zeit kommt bei den jüngeren Priestern das Bedürfnis nach neuer Objektivität auf. Man will wissen, wie „man“ es macht, wenn man es „richtig“ machen will. Doch vieles von der alten liturgischen Kultur ist vergessen. Auch mancher um guten liturgischen Stil bemühte Priester weiß z. B. nicht, wie man richtig inzensiert.
Nicht nur weil Papst Benedikt sich eine gegenseitige Befruchtung der beiden Meßordnungen der römischen Kirche wünscht, ist ein Blick in die alten Rubriken und auch in den „Lurz“ sinnvoll: Die Kenntnis der Tradition macht den Zelebranten im Umgang auch mit den erneuerten Formen sicherer.
In diesem Sinne wird hier versucht, einige Hinweise zu einer Zelebrationsweise zu geben, die nach persönlicher Zurückhaltung und Objektivität strebt. Das, was in der paulinischen Ordnung der Messe nicht geregelt ist, wird aus den Regeln der gregorianischen entwickelt. In den Punkten, wo eine Bereicherung des paulinischen Ordo durch den gregorianischen möglich und besonders naheliegend scheint, wird auf die überlieferte Form hingewiesen.
Im folgenden wird der Ablauf der Heiligen Messe detailliert beschrieben – vor allem im Hinblick auf den zelebrierenden Priester. Andere Personen und Funktionen werden nur am Rande erwähnt. Grundlage sind die Rubriken des Meßbuchs Pauls VI. in der editio typica von 1975.
[1] http://www.dasabendland.de/chronica/liturg2.htm#st_jos_2 am 25. April 2009